Die Welt Kompakt und unsere Scrolledition: Was habt ihr alle denn erwartet?

„Danke für Ihren Mut“, sagte neulich Welt Kompakt-Chef Frank Schmiechen zu mir – spät nachts beim Abschiedsessen in Berlin, nachdem wir 23 Blogger im Axel-Springer-Haus die Scrolledition [pdf hier!] der hübschen Zeitung gestaltet hatten. Oder so etwas in der Richtung.

Verwundert war ich über diese Verabschiedung. Bin doch nicht ich diejenige, die irgendwelchen Mut aufbringen musste, nur das zu schreiben, was ich doch sonst auch so schreibe. Frank Schmiechen und das Springer-Team waren diejenigen, die schon abends ahnen mussten, dass sie am nächsten Morgen von Lesern und anderen Kritikern zerrupft werden würden. „Bitte nicht traurig sein“, warnte mich der stellvertretende Chefredakteur beim nächtlichen Handschlag schon mal vor. „Die Leute mögen es nicht, wenn alles neu und anders ist.“

Wie neu und anders die Scrolledition der Welt Kompakt sein würde, präsentierte man uns Bloggern gleich nach dem Gang durch die Antiterroristensicherheitsschleuse im Axel-Springer-Haus. Im großen Newsroom, nur wenige Schritte entfernt von Bild-Chef Kai Diekmann, begrüßten uns die Journalisten und deren Nachwuchs bei Sekt, Häppchen und Mittagessen. Zum Teil mit großen Augen – alles ganz aufregend, mit diesen Bloggern. Die größten Augen übrigens behielt stets Schmiechen selbst, der die neue digitale Welt offensichtlich mit einem nicht allzu kleinen Fünkchen Bewunderung zu verfolgen scheint.

„Ganz, ganz anders soll sie werden“, die Scrolledition, an der Schmiechen und sein Team laut eigenen Aussagen seit Wochen mit Herzblut und bis in tiefe Nächte gearbeitet hatten. Schmiechen und sein Team? Sind es nicht eigentlich wir Blogger, die dieses geschichtsträchtige Werk nach unserem Wissen und Empfinden gestalten sollten? Der Chef  klärte auf:

17 Seiten (noch nie dagewesenes) Querformat hingen längst an der Tafel. „Wir haben die Scrolledition schon mal vorproduziert“, erfuhren wir. Längst in der Zeitung zu finden waren die von uns nach Berlin geschickten Blogger-Texte, die Seiten waren voll, kaum Platz blieb für Aktuelles. Keine Nachrichten? Keine neuen Themen? Keine aktuelle Redaktionsarbeit?

Dass wir zusammen diskutiert hätten, ließ der Chef seine Leser am nächsten Morgen auf Seite 1 der Scrolledition wissen. Die Wahrheit ist: Es hätte niemals Zeit gegeben, noch mal alles umzuschmeißen. Die wenigen Stunden bis Redaktionsschluss am selben Abend reichen nicht für echte Inhaltsdiskussionen – nicht, wenn sie von zum großen Teil Zeitungsunerfahrenen Bloggern geleitet werden. Erkläre Redaktionsarbeit in 30 Minuten? Nicht machbar.

Und so gab es nur wenige freie Randspalten zu füllen („wir suchen jetzt mal Meldungen raus“). Und einen Bundespräsidententext, den sich Frank Schmiechen auch irgendwie anders wünschte und schließlich in vollkrassinnovativer Twitter-Form erscheinen sollte.

Eine Zeitung, die es so noch nie gab und wohl auch nie mehr geben wird hielten die Welt-Kompakt-Leser am nächsten Morgen in den Händen. Geschätzt 70 Prozent davon verwundert bis schockiert, Meinungen sind bis heute auf der Facebook-Seite der Zeitung nachzulesen. Auch die Medienwelt war wenig begeistert vom Axel-Springer-Projekt das, so die allgemeine Tendenz, zwar eine ganz nette Idee, aber nicht so wirklich mit Potential umgesetzt worden sei.

Bleibt die Frage: Welches Potential? Was habt ihr alle denn erwartet? Können, sollen und wollen Blogger, die täglich teils philosophische Weisheiten in die Webwelt streuen, eine ganze Zeitung füllen? Ist es vielleicht sogar genau das Gegenteil, was die Herren von der Welt genau dieser mit dem Experiment Scrolledition beweisen wollten?

Wir haben gemeinsam herumexperimentiert – und wir haben in kürzester Zeit etwas Einzigartiges geschaffen. Wir haben Bloggertexte auf Zeitungspapier gedruckt, in Zügen, U-Bahnen, Wohnzimmern gelesen und dabei bemerkt, was wir vorher schon ahnten: Das isses irgendwie nicht. Denn Bloggertexte gehören ins Netz. Und Zeitungsarbeit ist ein Handwerk, das erlernt werden muss. Dass wir dies jetzt ganz sicher wissen, das freut mich sehr.

Danke für dieses Experiment. Ernstgemeint.

xoxo
Sandra Tieso

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Zur Scolledition empfehle ich:

Und natürlich die gesammelte Liste aller Blogger, die vom Springer-Verlag eingeladen wurden:

[Fotos: Dani Doege]

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5 Kommentare

  1. Ewa sagt:

    Mutig, ich meine natürlich diesen Text!

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  2. Timo sagt:

    Interessant, das mal aus dieser Sicht zu lesen!

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  3. antonia sagt:

    kai diekmann ist ein arsch, nur so.

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  4. moneypulation sagt:

    in sachen selbstvermarktung und eigenwerbung kann man dir nichts nachsagen, was auch gar nicht negativ auffallen würde, wenn die anderen nachrichten ebenfalls so ausführlich wären ;-)

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  5. SarahKnipig sagt:

    Na da habt ihr Euch ja sehr schön vorwürfen lassen. Wie billig sich doch manche für ein wenig Selbstdarstellung verkaufen. Aber das ist ja auch typisch für die Autorin hier, die sich ja angeblich lieber im Hintergrund aufhält.

    Ha ha! Tja wer sich mit dem Teufel einläßt und sich für Axel Springer prostituiert darf sich nicht wundern.

    Wie NAIV kann man eigentlich sein?

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